|
Ein Ausblick aus der Sicht des Architekten & Städteplaners Ein Ausblick aus Sicht der Zukunftsforschung Dynamische Stadt:Regionen als architektonische Herausforderung
Ein Ausblick aus der Sicht des Architekten & Städteplaners Max Rieder In der sozio-ökonomischen und kulturellen Landschaft der EU oder im weltweiten Globalisierungsprozess operieren nicht mehr Städte, sondern Stadtregionen. Die ursprünglich singuläre Rolle der europäischen Metropole geht über in eine kollektive, regional ausdehnende Aufgabenteilung. Dies wird in akademischen Kreisen seit 1960 wahrgenommen, seit 1970 im Fachbereich Raumplanung thematisiert und erst seit den 90er Jahren den Kommunen durch problematische Budgetentwicklungen bewusst. Einhergehend damit unterliegt die Stadt und ihre Region einem Image- und Wettbewerbsdruck auf globaler Ebene und wird zum Fokus von Vermarktung. Manche Städte haben durch sogenannte Strategiepläne darauf reagiert, um auf den Märkten um InvestorInnen und KonsumentInnen zu buhlen. Ob dabei die spezifisch gewachsenen, charakteristischen Qualitäten der jeweiligen Städte weiterentwickelt werden, darf unter Hinweis auf die hier untersuchte Ordnungs- und Gestaltstruktur von Stadt:Region bezweifelt werden. Genau darin lag bisher der Wettbewerbsvorteil jeder Stadt oder Region, ihre spezifische Charakteristik und phänomenale Erscheinung – trotz vieler weltweiter Analogien. Die schleichende und konzeptarme Fusion von Stadt:Region läuft quasi weltweit in ähnlichen Mustern ab. Kernstadt und Umgebungsdörfer stellen ein neues, intensiv kommunizierendes Organ dar. Obwohl die Anzahl der sich beeinflussenden Wechselbezüglichkeiten enorm ist, können doch heute einige Impulsfaktoren identifiziert werden. Eine systemische Betrachtung und vor allem ganzheitliche planerische Abstimmung stößt aufgrund der lokal-regionalen politischen Administrationsgrenzen und der noch immer (nach-)modern getrennten Fachabteilungen auf massive Handlungsbarrieren. Selbst bei aufkommender allgemeiner und politischer Bereitschaft - die durch niederbrechende oder divergierende Kommunalbudgets gefördert bzw. notwendig wird – werden die EU-Tendenzen zu maßgeblichen Einflussfaktoren. Die relativ kleine alpine Tourismusregion, die mittelstädtische Kulturstadt mit landschaftsräumlichen Umgebungsqualitäten hängen hier von einer zumindest EU-gemeinsamen Praxis und Verpflichtung ab, Maßnahmen zu koordinieren (Florianiprinzip in neuen Skalen). Dabei besteht aber auch die demokratiepolitische Chance einer Politik der – vielen - Regionen (Stadt:Region) als politischer Katalysator in der EU-Politik. Da in wirtschaftsliberalen Zeiten die Bezugsgrößen von Investitionen durch „kritische“ Einflussgrößen wie potenzielle Konsumentenanzahl und deren Lebensstandard, Kaufkraft und materieller wie immaterieller Nachholbedarf gegenüber hochentwickelten Zonen oder durch geringere Lohnkosten und Umweltsensibilität geprägt werden, ist die EU-15 dem Kapitalmarkt und seiner Renditenkonzeption ausgeliefert. Diese Spannung bzw. Nachfrage nach Arbeitsplätzen wird nicht nur am globalen Markt sondern auch innerhalb der EU-25 relevant. Durch die Marktkonzentration des Kapitalmarktes dünnen sich lokale, regionale (personelle) Investoren und Anbieter aus, existieren praktisch nicht mehr, damit werden die globalen Finanzierungsregeln auch zu unumstößlichen Vertragsbedingungen in der hochentwickelten Stadt:Region. Einhergehend damit können alle bisherigen sozialen, gestalträumlichen, raumplanerisch-nachhaltigen, umweltbewussten und „lokal-regionalen“ Konzeptionen und Errungenschaften über Bord geworfen werden, damit der Kapitalmarkt sich bereit findet, vor Ort zu investieren. Die Investitionen der Global Player sind jedoch meist temporärer, kurzfristiger Natur, sogenannte Junk-Architekturen entstehen im plötzlich geöffneten landwirtschaftlichen Umgebungsraum. Damit verbunden ist, dass Global Player ihr kontextloses Know-how und ihre internationale Produktpalette anbieten und nicht auf den lokalen Markt reagieren bzw. synergetisch andocken, sondern diesen verdrängen und somit ein Äquivalent von Arbeitsplätzen und Klein- bis Mittelbetrieben abbauen. Da es derzeit kaum individuelle Strategien der Regionsentwicklung gibt (Unzahl von Wissenszonen wie Auto-Holz-ICTechnologie-Medizin-BiotechnikCluster und dgl.), muss der zukünftige Schwerpunkt bei der Herausbildung einer charaktervollen, stimmigen Regionsmarke mit den tatsächlich vorliegenden materiellen und immateriellen Ressourcen liegen. Dazu sind finanzielle, zeitliche und personelle Ressourcen zur Verfügung zu stellen und das muss zum zentralen Thema einer Stadt:Region werden. „Papierprojekte“ wie Centrobe (Wien-Bratislawa-Györ-Brünn) oder EuRegio (Salzburg-Bayern) müssten mit Kompetenzen und Verantwortung ausgestattet werden, um relevant zu werden. Es gilt also, das Projekt Stadt:Region inhaltlich, konzeptiv und kommunikationstechnisch breit und öffentlich in Angriff zu nehmen und zentral zu verankern. Dazu gehören eine Neuordnung der Förderungen, der politischen Kompetenzen und eine personelle Nachverdichtung der Region zu charakteristisch-urbanen Dimensionen (kritische Dimensionen für soziale, technische und öffentlich-verkehrliche Infrastruktur), um ein EU-Regionsplayer zu bleiben/werden. Denn nur dadurch kann gewährleistet werden, dass „schöne Mittelstadt:Regionen“ wie Innsbruck, Salzburg und andere mittelfristig nicht schrumpfen oder bestenfalls zur Luxus-SeniorInnenregion der EU werden (vgl. Eurostat/Statistik Austria Bevölkerungsszenario ab 2020). Raumplanung, Urbanistik und Architektur sind aufgerufen, nachhaltig gestaltete Räume, Orte und Milieus für a-konsumatorische Öffentlichkeit zu schaffen und vorwiegend Bestehendes umzubauen. Den „örtlich Ansässigen-Einheimischen“ sind andere Perspektiven jenseits von umworbenen KonsumentInnen oder AlltagstouristInnen zu vermitteln. Für Politik bedeutet dies insbesondere, sich der kulturellen, gesamtheitlichen Vermittlung und des kooperierenden Verfahrens auf verschiedenen Ebenen - vor allem jenseits der Parteiakademien und der dort Referierenden – zu bedienen und insbesondere den generalistischen, gesellschaftsausgleichenden und kritischen Ansatz der Raumplanung und Architektur als Findungsprozedere gegenüber den Renditenbestellern zu zulassen. „Projekte“ wie Olympia 2014 im Mozartland Salzburg könnten den Innovations- und Prozessgedanken – falls diese anders konzipiert wären wie bisher – beflügeln. Einen maßgeblichen Aspekt wird die Neuorganisation und bewusste (Nicht-) Gestaltung von landschaftsräumlichen Situationen und vernetzende Freiraumplanung in den gegenwärtigen Niemandsgegenden der Umlandgemeinden darstellen. Dabei werden die vergangenen Paradigmen der Ästhetik, der Gestaltung, Monofunktionalität, isolierenden Infrastruktur und Maßstäblichkeit für eine offene und laufend mitgestaltende Gesellschaft neu formuliert und re-visioniert werden. Die vorherrschende, einfältige und phantasielose Sparsamkeitstugend muss kritisch hinterfragt werden und Zukunftsperspektiven müssen über die Wahlperioden hinaus als ethisch-politischen Kodex ermöglicht und garantiert werden.
Ein Ausblick aus Sicht der Zukunftsforschung: Wiederaufwertung der Orte und neue Instrumente der Steuerung Von Hans Holzinger Um den aufgeworfenen Problemen, den skizzierten Dilemmata sowie den benannten Herausforderungen adäquat begegnen zu können, ist zweierlei nötig. Es geht zum einen um ein neues kulturelles Verständnis von Orten bzw. um eine Wiederaufwertung der Orte. Diese hängt zusammen mit der Wahrnehmung von Orten, dem Bewusstsein über „Ortsqualität“ sowie den durch gesellschaftliche Normen (etwa den medial transportieren Bildern vom guten und schönen Wohnen) überformten und durch politisch-soziale Rahmenbedingungen beeinflussten Lebens-, Konsum- und Mobilitätsstilen. Zum anderen sind neue Instrumente der Steuerung des Inbesitz-Nehmens von Räumen zu diskutieren, die über die herkömmlichen raumordnungspolitischen Normen und Vorschriften hinausgehen, sondern vielmehr der ökonomischen Inwertsetzung von Räumen mit marktwirtschaftlichen Instrumenten begegnen bzw. antworten. Die kulturelle Herausforderung: Renaissance der OrteNachhaltigkeit hat nicht nur eine zeitliche (Rücksichtnahme auf spätere Generationen), sondern auch eine räumliche Dimension. Menschen sind – anders als global zirkulierende Finanztransaktionen – nicht virtuell, sondern real. Sie leben an realen Orten und treffen Entscheidungen an diesen Orten. In den letzten Jahrzehnten ist ein Trend zu beobachten, der sich als „Entwertung der Orte“ bezeichnen lässt. Gründe dafür gibt es mehrere:
Man könnte sagen: Wir sind zu Transitmenschen geworden, die sich in Transiträumen aufhalten bzw. bewegen. Peter Sloterdijk (2005) spricht von „Selbsten ohne Ort“ und „Orten ohne Selbst“. Der Philosoph plädiert dafür, wieder „lebbare Formen des Wohnens oder des Bei-Sich-und-den-Seinen-Seins“ einzurichten.1 Not tut somit eine „Renaissance der Orte“, die nicht gleichzusetzen ist mit Immobilität, sondern bewusste Wahl, bewusstes Vor-Ort-Seins und Sich-Einbinden in den Ort bedeutet. Lebensqualität vor Ort, ein ansprechendes Wohnumfeld, soziale Kontakte in der Nachbarschaft, aber auch eine zumindest stückweise Rückbindung der Ökonomie an den Raum sind geboten (Holzinger 2003, 2005). Die „Renaissance der Orte“ kann sich äußern im „Beisl um die Ecke“, im bewussten Rückgriff auf Lebensmittel und Gebrauchsgüter aus der Region, im Entstehen eines Tauschkreises, im lebhaften Engagement in Vereinen und Ortsgruppen. Ortsbindung in diesem Sinne geht mit (geistiger) Weltoffenheit einher, ja ist deren Voraussetzung (Safranski 2002). Ein wichtiger Aspekt liegt in der Rückholung individueller und kollektiver, ökonomischer und politischer Gestaltungsräume (z. B. der Stärkung von Stoff- und Geldkreisläufen in der Region). Stichwort: Nachhaltige /Stadt / Region. Die politische Herausforderung: Neue Instrumente der SteuerungRaumordnungspolitische Konzepte und Leitlinien existieren zuhauf und sie sind in der Regel orientiert an einer nachhaltigen und flächensparenden „Raumnutzung“. Das Salzburger Landesentwicklungsprogramm 2003 enthält insgesamt neun Leitbilder: „Flächensparende und nachhaltige Raumnutzung“, „Am öffentlichen Verkehr orientierte Siedlungsentwicklung in den dichter besiedelten Gebieten des Landes“, „Dezentrale Konzentration“, „ Erhaltung und Wiederherstellung der Funktionsvielfalt“, „Erhalt und gezielte Steigerung der Wirtschaftskraft“, „Multifunktionale und nachhaltige land- und Forstwirtschaft“, „Nachhaltige und zeitgemäße Berücksichtigung des Umwelt- und Naturschutzes“, „Schutz und Pflege von Kulturgut bzw. Baukultur“ sowie „Erhaltung und Entwicklung einer regionalen Identität und Zusammenarbeit“.2 Die Leitbilder sind sinnvoll. Doch – und das ist nicht nur ein „Salzburger“ Problem – es klafft eine große Lücke zwischen Absicht und Vollzug, zwischen Rhetorik und Realität. Offensichtlich bedarf es neuer, zusätzlicher Steuerungsinstrumente, die den ökonomischen Driving Forces der „Flucht“ an die Stadtränder mit den eigenen Mitteln, also ökonomischen Anreizen entgegenwirken. In Deutschland wird derzeit eine Vielzahl solcher Instrumente diskutiert (Jörissen et al. 2004): etwa die Abschaffung der Grunderwerbssteuer auf bereits erschlossenen bzw. bebauten Flächen und ihr Ersatz durch eine Neuerschließungsabgabe (S. 42); Einführung von Auswärtigenzuschlägen im Finanzausgleich (Beispiel Region Stuttgart, S. 28); überörtliche Einhebung und regionale Verteilung der Gewerbesteuer sowie Übertragung der Gewerbeansiedlungspolitik an ein Regionalmanagement (S. 40); Anpassung der Einheitswerte von Grundstücken und Immobilien an die tatsächlichen Verkehrswerte; Einführung von Bodenversiegelungsabgaben und versieglungsabhängigen Abwassergebühren (S. 45); Einführung handelbarer Flächenausweisungsrechte (S. 43); Abschaffung bzw. Reform der Eigenheimzulage und der Pendlerpauschale. Vorgeschlagen werden auch neue ordnungsrechtliche Maßnahmen wie die Begründungspflicht für Bauen im Außenbereich (S. 20) sowie Instrumente zur Erhöhung der Transparenz am Boden- und Immobilienmarkt, die Veröffentlichung von Baulandkatastern sowie der Aufbau eines digitalen Flächeninformationssystems, auf das alle Verwaltungen und BürgerInnen zugreifen können sowie Boden- und Immobilienbörsen im Sinne eines kommunalen Flächenressourcenmanagements (S. 24f). Die in Deutschland diskutierten und in manchen EU-Staaten bereits umgesetzten ökonomischen Steuerungsinstrumente sind auch für Österreich / Salzburg zu diskutieren. Die Neuinanspruchnahme von Flächen ist nicht generell „schlecht“ oder nichtnachhaltig; bei Bedenken der vielen negativen Folgeerscheinungen der Zersiedelung - dies hat die vorliegende Studie aufgezeigt – ist zukünftig jedoch ein stringenteres Flächen- und Bodenmanagement geboten. Subjektives Resümee am Schluss: Architektur und die durch sie generierten Stadtlandschaften sind zu lesen als Ausdruck der ökonomischen und kulturellen Werte bzw. Prioritätensetzungen einer Gesellschaft. Die neonbeleuchteten, Tag und Nacht ausschaltenden Shopping-Malls und Mega-Einkaufszentren sind demnach der Spiegel einer auf Konsum fokussierten Sinnstiftung & Glücksfindung in materiellen Reichtumsgesellschaften. Die durch keine einigende Formgebung mehr erkennbaren, zersiedelten Stadtlandschaften wären demnach Ausdruck eines Individualismus, der Selbstverwirklichung nur mehr in einem autistischen Selbstvollzug sieht ohne Einbindung in ein größeres Ganzes. Ein Individualismus, der nur mehr Forderungen kennt und nicht mehr Begrenzungen, der sich nur mehr auf Rechte bezieht und nicht mehr auf Pflichten. Der Verlust von architektonischer Zusammengehörigkeit, die etwa alte europäische oder mediterrane Städte ausgezeichnet hat, ist somit Spiegel einer Kultur, die Freiheit verwechselt mit grenzenloser Permissivität – die vor der Raum(un)ordnung nicht Halt macht. 1 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine Philosophische Theorie der Globalisierung. Suhrkamp, 2005. 2 Salzburger Landesentwicklungsprogramm. Gesamtüberarbeitung 2003. Amt der Salzburger Landesregierung, S. 3. Download: www.salzburg.gv.at/lep
Dynamische Stadt:Regionen als architektonische Herausforderung
Nach den Jahren einer euphoristischen Postmoderne, in denen Architektur eine breite, öffentliche Leitkultur darstellte, gerät Architektur als Disziplin massiv unter Druck. Die österreichische Struktur der Architektenszene wird den Auftraggeberforderungen nach Großreferenzen, Umsatzzahlen u. dgl. nicht gerecht und kann ihrer Vielseitigkeit und Qualitätsansprüche nicht vermitteln. Kleinstrukturierte und nach Individuallösungen suchende Architekturateliers finden keine Marktpartner mehr vor. Die Kluft zwischen bloßem „Bauen & Errichten“ einerseits und Architektur als kultureller dreidimensionaler Äußerung andererseits wird größer. Die Nachfrage nach Letzterem sinkt - nicht zuletzt, weil zahlreiche Architektinnen Querdenken und Reflexion als grundsätzliche Haltung in Aufgabenstellungen einbringen und zu „anstrengenden“ Partner in der Planung werden. Architektur erfährt tendenziell eine Reduktion auf ein Luxusgut für Prestigebauten. Bestenfalls wird Architektur noch für Außengestaltung, Fassadengestaltung und Oberflächendesign herangezogen. Aber unter dem Kostendruck der Auftraggeber (zB Wohnbau(förderung)) bleibt für das Wesentliche: nämlich Raum und Fläche zu schaffen und zu gestalten, kein Spielraum mehr für Architektur.
In Entsprechung zur generellen Lage der Architektur ist diese in den prosperierenden Zonen der Stadtregion (Speckgürtel, Stadt-Umland) kein – weder politisch noch gesellschaftlich - geforderter Diskussionsgegenstand. Architektur hat sich aus dem Gewerbebau, dem Bürobau, dem Bau von Shopping-Centers und UEC-Komplexen zurückgezogen. Das Unterfangen, dem Phänomen der „zersiedelten Zonen“ architektonisch näher zu kommen und zu vermitteln, ist Neuland. Nur wenige Architektinnen haben bisher versucht, das darin liegende Gestaltpotential zu erfassen und vor allem zu analysieren. Da Architektur ihre spezifische Qualität aus Kontext- und Vergleichsmaßstäben gewinnt, ist es schwierig, das vorliegende Gebäudematerial des prosperierenden Stadt-Umlandes zu beurteilen und zu kategorisieren. Als Konsens galt bisher, jene Zonen als „hässlich, ungeplant und ungeordnet" zu beurteilen. Zur bereits bekannten sogenannten „Interventionsgestaltung“ durch Bürgermeister, Baumeister und Bauherren tritt nun erstmals eine massive Enthemmung der Marktkräfte. Investoren bestimmen nun selbst, wie hoch, bunt und was "gebaut" wird - und die Gemeindepolitik beschließt unter dem Vorwand der Arbeitsplatzsicherung jegliche Disposition und Gestalt. Der „Selbstgestaltungsprozess auf der grünen Wiese“ hat bisher zu keinem neuen Typus gefunden. Vielmehr zeigt sich ein beliebiges Zusammensetzen von vorhanden Typen und Gestaltmustern, um den Anschein des Bekannten vorzublenden - eine Art „CollageCity“.
Prägende Gestaltprinzipien der Stadt:Region Das prägende Gestaltprinzip ist dem „Basteln" entlehnt und besteht aus einem Arrangement von ausgelehnten Formteilen verschiedenster Zusammenhänge (Eklektizismus). Eventuell könnte man von einem sich herausbildenden formalen Typus: dem „Formalhybrid“, sprechen. Neue (ästhetische) Formen wirken skandalisierend und provozierend auf die Gesellschaft. Die Verschränkung von Gebrauch und Kunstanspruch bleibt schwierig. Bekannte Formen sind als stabilisierende Formen gewünscht. Wirtschaftliche Dynamik wird durch tranquilisierende/ beruhigende Formensprache ausgeglichen. Zwei vorherrschende Strukturen und Bebauungstypologien dominieren (baulich) in der Wachstumszone der Stadtregion: Einerseits werden „individuelle" kleinstrukturierte Volumina wie Einfamilien-, Doppel- oder Reihenhäuser realisiert, anderseits „individuelle" großstrukturierte Komplexe wie Shopping-, Fachmarkt-, Gewerbeareale und Urban Entertainment Centers (UEC), neuerdings auch Factory-Outlet Centers. Beide maßgebenden und einen „Raum" aufspannenden Mononutzungsstrukturen sind der Architektur und Baukultur vollkommen entzogen. Als „Nebenfront“ erscheinen die Ortsgestaltung (Platzgestaltung) sowie die Sanierung und Revitalisierung historischer Bauten (Denkmalschutz). Der so genannte öffentliche (Außen)Raum im klassischen Sinn (sozialer und politischer Ort für Austausch, Handel, Kommunikation) existiert überhaupt nicht mehr und ist bestenfalls auf ein Verkehrsband zusammengeschrumpft, d.h. eindimensional optimiert bzw. in den „Indoor“-Bereich entschwunden. Soziale und nichtkommerzielle bzw. -konsumtive Funktionen des öffentlichen Raumes werden ersatzlos gestrichen, in eine kaufstimulierende Binnenwelt transformiert oder als Events inszeniert („Festivalisierung“). Zum ersten Mal seit der Barockzeit werden wieder Großstrukturen „in die Region“ gestellt. Waren diese historisch Impulsgeber für neue Siedlungen im nahen Umfeld, so stellen diese (z.B. Erlebnisparks, Einkaufszentren) heute aufgrund des Einzugsbereichs und der Frequenzbedingungen Hochleistungsknoten der Bewegung dar und sind von ihrer unmittelbaren Umgebung isoliert. Durch diese Entwicklung werden Städte und Regionen neu zoniert und strategisch in potentielle Kundenströme von Mindesteinflussgebieten eingeteilt. Die Refugienstruktur „Wohnen im Grünen" bildet zu den Businessstrukturen gegenläufige tages- und wochenzeitliche Aktivitätsrhythmen aus.
Mittlerweile sind zwei miteinander verschränkte Metaphänomene zu beobachten: Reale Umwelt einerseits, virtuelle Umwelt andererseits. Die Charakteristik von Enterprise-Zonen ist durch ausschließlich wirtschaftsoptimierte Nutzungen und eine Reduktion sozialer Handlungen charakterisiert. Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt und verkürzt, Kommunikation ist ritualisiert. In diesen Zonen wirken Wohnstrukturen wie Fremdkörper oder es wird gar nicht versucht, Wohnstrukturen zu integrieren, weil offensichtlich niemandem zugemutet werden kann, hier zu wohnen und den Alltag zu verbringen. Erträglich werden Urban Entertainment Centers dadurch, dass Shopping zum Freizeitvergnügen und zur Selbstwertsteigerung mutiert bzw. lanciert wurde. Mittels Surrogaten und Komplementärimages wird Freizeitstimmung - als Ersatz für Ortsqualität - inszeniert. Der Verlust an Lebensqualität und Selbstbestimmung wird mit Do-it-yourself Angeboten kompensiert. „Shopping“ stellt ein zentrales gesellschaftliches Phänomen dar, aber schafft es auch, ein räumliches Phänomen zu werden und Ort zu begründen? Dem „Selbstbautyp“ wird vorgespielt, wie gebaut, gegärtnert und gegrilltwerden soll. Diese Komponentenkultur tritt in „form follows function“-Manier als direkter Ausdruck auch in Bauwerken und Installationen auf (Investoren bestellen Komponenten). Leben und Raum werden damit zu einem selbst gebastelten Patchwork. Diese Zwischenraum-Zonen lösen historische Barrieren und Grenzziehungen auf. Der Raum dazwischen „fließt“ kontinuierlich und weist Zonen der Verdichtung und Konzentration auf. Erst wenn eine gewisse kritische Sequenz von Zwischenräumen Beziehungen miteinander eingehen und Synergien und Kontexte herstellen würde, entstünde ein identifizierbares Charakteristikum, ein Ortsphänomen.) Siedlungsstruktur und Stadtentwicklung Die erwähnten „theoretischen Konstrukte und klassischen Differenzierungen" (in der Auseinandersetzung mit städtischem Wandel) lassen vage neue Bilder im Fachdiskurs entstehen. Netzstadt (metabolische Beziehungsstadt fokussiert auf Verkehr) oder Zwischenstadt (hybride Beziehungsstadt fokussiert auf Gestaltphänomene, Typologie und Morphologie) sind die wesentlichen Leit- bzw. Verständnisbilder der Diskussion, die vergangene Leitbilder wie Kompakte Stadt, Aufgelockerte Stadt, Gartenstadt, Bandstadt, Kernstadt, Dorf, Umland, Satellitenstadt usw. ablösen. Im Fachdiskurs wird das „große und heranwachsende Dritte", jenes, das weder „Stadt noch Land" mehr darstellt, als „ Stadtlandschaft“ oder „Landschaftsstadt“ trivialisierend kategorisiert. Dieses Dritte kann nicht mit den herkömmlichen Beschreibungen und Bewertungen der historischen Kategorien von „Stadt und Land" wahrgenommen werden, weil (neue) Bewegungsgeschwindigkeit, Frequenz, Ephemerie/Temporalität, Konzentration, Strukturgrößen und Austauschvorgänge (Fluktuationen) in bisher unvorstellbarem Ausmaß vorliegen, die Bisheriges sprengen. Zwischenresümee zur architektonisch-städtebaulichen Gestaltung in der Stadt:Region Die (neuen) Hochleistungszonen der „Dazwischen“-StadtLandschaft sind die wahre Realität und räumlichen Artefakte der postmodernen Gesellschaft und (re)produzieren ihre Zwänge. Allerdings sehen wir bei einer breiten gesellschaftlichen Wahrnehmung und Problematisierung der in dieser Studie ausformulierten Implikationen dieser Zonen (Zwischenstadt) einen hohen architektonischen und freiraumplanerischen Aufhol- und Sanierungsbedarf in absehbarer Zukunft. Wenn man nun die Betrachtungsfilter über die klassischen Kriterien hinaus erweitert, müsste man entweder zu einem radikaleren Formenbewusstsein kommen oder gänzlich vom vorherrschenden Formalästhetizismus der Architektur absehen. Es gilt daher, ein Bewusstsein dafür aufzubauen, das Bestehende und Entstehende einem beschreibenden Konzept zu unterziehen, um es vermitteln und widerlegen zu können, weil uns darüber in den klassischen Annäherungen nach Proportion, Form, Gestalt, Material, Maßstab und Kontext und ästhetischer Erscheinung jeder Bezug fehlt. Gestaltung als Ergebnis eines Selbstorganisierungsprozesses im entwickelten, aber entfesselten Europa stellt gleichzeitig einen Schock (zB für die herkömmliche Planung) und eine neue Herausforderung und Chance für Architektur und Städtebau dar. Aus städtebaulicher und architektonischer Sicht gilt die Herausforderung, Knoten, Achsen, Schnittstellen bzw. Zonen von Mobilität, Wohnen, Konsum und Freizeit, Wirtschaft und Arbeit einer hochfrequenten, dynamischen Stadt:Region baulich-raumgestalterisch zu entsprechen, um das dynamische und komplexe „System Stadt:Region" bewältigen zu helfen.
|